dinosaurier der demokratie

ein nicht ganz einfaches buch und ich kann es auch nur bedingt empfehlen, soviel gleich vorweg. gelesen und auch darauf gestoßen bin ich, nachdem ich das buch "worum es heute geht" vom gleichen autor gelesen hatte. jürgen rüttgers schrieb dieses buch vor dem, welches ich neulich gelesen hatte und zwar bereits im jahre 1993, bzw. dann wurde es veröffentlicht. ein sprechenden aber langen untertitel hat das buch auch, welcher da heißt "wege aus der parteienkrise und politikverdrossenheit".

auf ca. 285 seiten erklärt nun einmal ein junger und hoch motivierter jürgen rüttgers zunächst einmal warum der bürger nach seiner meinung politikverdrossen ist. dies beginnt vor allem beim verhalten der parteien im allgemeinen und speziellen. die fehlende bürgernähe, abstrakte und endlose, scheinbar sinnlose debatten und z.b. die schiere unfähigkeit auf die wandlungen der zeit zu reagieren. grad zum letzten gibt möchte ich einmal das buch zitieren, welches da auf seite 24 "schreibt": "Die Reaktionen auf Veränderungsvorschläge folgen dabei oft einem gleichen Muster. Gefragt wird zumeist: ‚Was können wir verlieren?‘, selten aber: ‚Was können wir gewinnen?’"

nach diesem kleinen einführenden teil auf ca. 40 seiten, bei dem man größtenteils nur zustimmend nicken kann, geht es um unsere gesellschaft. er sucht quasi antworten auf die frage, warum es die parteien zulassen (müssen), dass der bürger politikverdrossen wird. das zauberwort ist die freiheitliche bürgergesellschaft, welche in diesem kapitel ausführlich beschrieben wird. dazu möchte ich einmal ein zitat anbringen, welches nunmehr auch meine einstellung ein wenig wiederspiegelt. es wird im buch verwendet ist aber eigentlich von j.f. kennedy und lautet :"Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann, fragt, was ihr für euer Land tun könnt"

mit zauberworten geht es dann auch im folgenden abschnitt über etwa 60 seiten weiter. zauberworte der politik werden "entschlüsselt". die anführungszeichen sollen an dieser stelle darauf hinweisen, dass hr. rüttgers nun leider zunehmend sichtweisen der cdu/csu darstellt und die anderen parteien/meinungen/ideen in ein schlechtes licht stellt. umwelt, frieden und multikulturell sind einige der zauberworte, welche erklärt und aus parteisicht erläutert werden. dass heißt im klartext, er erklärt dem geneigten leser, wie frieden unter cdu/csu führung zu verstehen ist und was multikulti für sie heißt. das diese erklärungen nicht immer mit meiner einstellung übereinstimmen, trug dazu bei, dass ich so einiges mal schmunzelnt in der bahn sitzen konnte während ich das buch las. nicht desto trotz muss man sagen, dass auch diese anderen denkweisen immer ihre interessanten aspekte haben, über die es sich zu diskutieren lohnt. nicht zuletzt diese tatsache macht einem klar, warum politik nicht einfach ist und scheinbar sinnlose debatten der volksvertreter, unter umständen mehr sinn haben, als nach aussen hin sichtbar wird. alles was da fehlt ist die vermittlung der probleme an das "einfache" volk. auch wenn dieses denken in diesem teil des buches sicher nicht so geplant war, so finde ich ihn gerade deswegen mit am interessantesten.

die letzten beiden teile des buches beschäftigen sich mit den wegen aus der parteikrise, also mit der lösung all der besprochenen probleme. eines der probleme überhaupt ist/war für herrn rüttgers die dominanz der parteien in nahezu allen bürgerlichen bereichen. die politik läßt dem bürger einfach zu wenig freiräume in denen er selbst sich um sich und seine mitmenschen kümmern muss. er fordert deshalb zunächst die politik zum rückzug aus vereinen/vorständen/krichen und sonstigen bürgernahen, nicht politischen gremien auf. anschließend muss der bürger anreize bekommen diese posten zu füllen und somit selbst zu initiative geweckt werden, damit er selbst aktiv seine gesellschaft mitbestimmen kann. so schließt auch das buch mit der klaren ansage an den bürger, dass es auf ihn selbst ankommt, dass die krise überwunden werden kann. auch dieser teil des buches ist sehr interessant, finde ich. die beleuchtungen der bereiche, in denen wir es bereits als selbstverständlich angesehn haben, dass sich der staat drum kümmert ist durchaus gut gemacht und interessant. ein bemerkenswerter punkt in diesem abschnitt ist, dass jürgen rüttgers bereits damals forderte, dass "die Ausübung von Kommunal-, Landtags- und Bundestagsmandaten unvereinbar" ist "mit Tätigkeiten in Aufsichtsgremien öffentlicher Unternehmer und privatrechtlich organisierter Unternehmen der öffentlichen Hand." wahnsinn, dass wir nun seit kurzem zumindest soweit sind, dass diese Tätigkeiten incl. der Einkünfte daraus deklariert werden müssen. anbei läßt sich im profil des hr. rüttgers beim deutschen bundestag diese meinung/einstellung überprüfen, denn danach hat er tatsächlich keine weiteren anzeigepflichtigen nebeneinkünfte. ebenso spannend und umstritten ist die frage nach dem gehalt von politikern. diese wird nur diskutiert und mit argumenten beider seiten beleuchtet, jedoch wird auch hier klar, dass sofern der politiker nicht undendliche nebeneinkünfte hat, er als direkter und höchster vertreter unseres volkes im bundestag durchaus ein gehalt verdienen würde, was sich an der wirtschaft für vergleichbare posten orientiert. denn eines muss auch klar sein, diese lohnkosten der abgeordneten verschwinden nahezu in den summen, welche den bund sonst betreffen und sie sind damit nicht signifikant an den kosten für unsere demokratie beteiligt.

als fazi kann ich das buch jedem empfehlen, der mal ein wenig über noch immer aktuelle probleme unserer gesellschaft/politik nachdenken will. auch wenn man anschließend nicht gleich die welt retten kann und will, ist es jedoch sehr lehreich auch einmal sachkundig andere seiten seiner sichtweise auf dinge zu erfahren, um so seine eigene seite zu hinterfragen. eines sollte man zum lesen des buches aber auf jeden fall sein und das ist ausgeschlafen, denn es ist nunmal theoretische politik ab praktischen beispielen, also alles andere als leidenschaftlicher und lebendiger lesestoff. wer dieses interesse und die ausgeschlafenheit mitbringt, der kann loslesen und sollte sich nur in acht nehmen vor verblendung, welche in diesem fall logischerweise aus dem lager der c-parteien kommt.

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